Kontaktfreudige Synapsen

Oktober 16th, 2009 Kommentare deaktiviert

Sie sind die wichtigste Voraussetzung für einen klugen Kopf: Je mehr andere Neuronen eine Nervenzelle kennt, umso besser. Eine möglichst komplexe Vernetzung der Neuronen steigert die Leistung des Gehirns: flexibles Denken, großes Wissen, gute Erinnerung.

Der größte Teil der Verbindungen zwischen den Nervenzellen des Gehirns wird in den ersten Lebensjahren angelegt: Kinder brauchen vielfältige Erfahrungen, müssen viel erleben, um viel begreifen zu können.

Die Synapsenbildung der Neuronen kann aber auch angeregt werden – die Lernbereitschaft des Gehirns kann erhöht werden. So werden am Institut für Kommunikation und Gehirnforschung in Stuttgart spezielle neuroaktive CDs für Kinder mit Lernschwächen oder motorischen Störungen entwickelt: Spezielle Musik oder Geräusche sollen neue Frequenzbereiche im Gehirn anregen – Walgesang während der Rechenaufgaben etwa. Sogar bei autistischen Kindern zeigen sich erste Erfolge dieser Behandlung.

Synapsen

Synapsen

Auch im Alter ist unser Gehirn noch ausbaufähig: Neurologen haben herausgefunden, dass Nervenzellen sich ein ganzes Leben lang teilen können. Unsere kleinen grauen Zellen sterben also nicht nur ab, sondern es kommen auch immer wieder neue hinzu. Zurzeit werden die Substanzen erforscht, die dieses Nervenwachstum fördern. Noch weiß man nicht viel über den „Nervendünger“, nur das er vermehrt bei geistiger und körperlicher Aktivität entsteht.

Eine andere spektakuläre Erkenntnis: Auch die Verbindungen der Neuronen im Gehirn können ein  ganzes Leben lang umgebaut und erweitert werden. Werden einzelne Areale des Gehirns geschädigt, können die unbeschädigten Teile die Funktionen übernehmen und neue Verbindungen eingehen. In einer erstaunlichen Reorganisationsleistung bildet das Gehirn neue Neuronenverbände, um die Funktionstüchtigkeit zu erhalten – etwa nach einer Hirnschädigung durch einen Schlaganfall.

Bayrischer Rundfunk November 2005 Zusammenfassung Sigrid Ebert

Jeden Tag ein neues Universum

Oktober 15th, 2009 Kommentare deaktiviert

Jeden Tag ein neues Universum

Kaum ein Prozess läuft so vielschichtig ab wie die Reifung des menschlichen Gehirns. Bereits sechs Wochen nach der Entstehung des Embryos bilden sich die ersten Hirnnervenzellen. Sie entstehen in Rekordzeit, so dass an manchen Tagen bis zu 580.000 Stück pro Minute gebildet werden. Rund 120 Milliarden solcher Neuronen bringt ein Neugeborenes mit auf die Welt.

Sobald ein Kind den Mutterleib verlassen hat, entwickelt sich das Gehirn in großer Geschwindigkeit. Der Säugling lernt – und sein Gehirn entwickelt sich. Es baut an seiner „funktionalen Architektur“, dem neuronalen Gerüst, das bestimmt, was ein Mensch kann, fühlt und wer er ist.

Neuronale Verknüpfungen

Neuronale Verknüpfungen

Ein Gehirn, das ausdauernd und kontinuierlich gefordert wird, verliert seine Leistungskapazität selbst im Alter nicht. Intensives Nachdenken, sich mit einer Sache beschäftigen, selber denken, all dies verbessert messbar die Gehirndurchblutung und mobilisiert den Gehirnstoffwechsel. Aktives Denken verdichtet die Verbindungen der Milliarden Nervenzellen untereinander, in dem sich die Synapsen verändern. Diese Verdichtung führt zu mehr Leistung und lässt sich in jedem Lebensalter aufbauen.

Die Grundlage jeden Gedächtnistrainings ist die Schulung der bildhaften Vorstellung, denn Bilder merken wir uns besser als Worte. Das heißt, eine abstrakte Information, die man erhält, sollte mit einer konkreten bildhaften Vorstellung und einem Speicherwort verknüpft und mit Gefühlen und Sinneseindrücken verbunden werden. Später, wenn man sich an die Information erinnern will, fallen einem die mit dem Bild verbundenen Informationen dann sehr viel leichter wieder ein.

Besonders wichtig für die intellektuelle Entwicklung ist emotionaler Kontakt. Kinder lernen Wörter schneller, wenn ein vertrauter Erwachsener ihre Sprechversuche begeistert kommentiert. Sie verbinden mit den neuen Vokabeln dann ein positives Gefühl und behalten sie daher besser.

Wir neigen dazu, unsere Kinder mit Reizen zu überfluten. Wenn sie als Säuglinge am liebsten mit den Händen spielen, überhäufen wir sie schon mit allem möglichen Spielzeug. Eltern sollten nicht zu viel und keinesfalls immer nur Perfektes anbieten. Sonst zerstören sie den Endecker- und Erfindergeist. Denn Kinder lernen an besten durch eigenes Ausprobieren und unmittelbare Erfahrung. Erst dann bauen sich bleibende neuronale Netze auf. Doch nur solche, die gebraucht werden bleiben.

So genannte Entwicklungsfenster bestimmen, welche Fähigkeiten der Säugling wann erlangt. Insgesamt aber endet diese optimale Lernphase sehr früh. Wenn Schüler mit zehn Jahren englische Vokabeln lernen, ist das Sprachfenster längst wieder zugefallen. Bei den meisten ist das Gehirn nach zehn Jahren so weit gereift, dass sie nun bewusst nach Regeln lernen müssen –anders als Kleinkinder, die spielend zwei Sprachen gleichzeitig erwerben.

Mit etwa zehn Jahren geht das Fenster auf, das es dem Menschen ermöglicht, ein soziales Wesen zu werden: Im Gehirn formen sich die Strukturen, an denen das Ich-Bewusstsein hängt. Etwa zu diesem Zeitpunkt entwickeln sie auch ein kurzzeitiges „episodisches Gedächtnis“, in dem sie nun Erlebnisse vorübergehend als Erinnerungen abspeichern. Spätestens dann brauchen Kinder unbedingt Erwachsene, die sich nach wiederkehrenden Regeln verhalten. Sonst wachsen sie mit falschen Annahmen über die Welt auf.

Quelle Der Spiegel 43/2003 Zusammenfassung Sigrid Ebert

Die Macht guter Gefühle

Oktober 14th, 2009 Kommentare deaktiviert

Positive Emotionen stärken Körper und Geist und machen fit für Krisenzeiten. Die neueste Erkenntnis: Der Blick durch die rosarote Brille lässt sich trainieren!

Längst haben Wissenschaftler bemerkt, dass Menschen, die sich gut fühlen, im Schnitt auch länger leben. Doch wie ist es möglich, dass Vertrauen in die Zukunft zu einer höheren Lebenserwartung verhilft? Kann ein heute erlebtes, gutes Gefühl so langfristige Folgen zu haben? Und falls ja, sind positive Emotionen dann eine Frage des Schicksals oder lassen sie sich gezielt erzeugen?

Erste Antworten liefert die junge Disziplin der „positiven Psychologie“. Sie ist das geistige Kind von Martin E.P. Seligman. Zusammen mit Forschern der University of Chicago empfiehlt er, sich darum zu kümmern, was das Leben lebenswert macht.

Positive Emotionen stärken Körper und Geist

Positive Emotionen stärken Körper und Geist

Der Einfluss positiver Gefühlszustände auf Denken und Verhalten lässt sich psychologisch untersuchen. Einige Mediziner bekamen Süßigkeiten und wurden gebeten, laut zu denken, während sie den Fall eines Patienten mit einer Lebererkrankung lösen sollten. Die beschenkten Ärzte integrierten die unterschiedlichen Daten nicht nur schneller als jene,  die leer ausgingen, sie bissen sich auch seltener an einem Gedanken fest und waren eher bereit, voreilige Schlüsse wieder zu verwerfen.

Ähnlich gelang es gut gelaunten „Streitschlichtern“ im Experiment besser, ein komplexes Verhandlungsproblem zu lösen.

Fazit: Das Denken sich wohl fühlender Menschen ist kreativer, flexibler, umfassender und offener.

Quelle Barbara L. Fredrickson 2003 Zusammenfassung Sigrid Ebert

Glücksgefühle durch Mathe

Oktober 13th, 2009 Kommentare deaktiviert

2008 war das Jahr der Mathematik. Für Mathematikprofessor Ehrhard Berehnds ist Mathe eine Wissenschaft, die Glücksgefühle auslösen kann. Doch er weiß, dass seine Faszination für Mathematik befremdlich wirkt.

Behrends will die Vorzüge seines Fachs populär machen. „Mathematik ist fast überall“ sagt er. Sie steckt hinter Kennwörtern beim Datenaustausch, in der Graphik auf dem PC-Monitor und selbst im U-Bahn-Fahrplan.

Eine Einführung in die Mission „Liebe zur Mathematik“ gibt es in seinem Büro. Dort hat der 61-jährige begeisterte Programmierer am Computer komplexe Gleichungen in bunte Farbformen umgesetzt, die an Gesteinsschichten oder Tapeten aus den 70er-Jahren erinnern. Er zaubert auch dreidimensionale Graphiken hervor, die das Auge täuschen wie ein Bild des niederländischen Malers Maurits Cornelis Escher. Das Auge lässt sich reinlegen, ein Mathematiker nicht. Der rechnet nach: Stimmt das oder stimmt das nicht?

Vielfalt Mathematik

Mathematik, das sei für ihn wie eine Übersetzung in eine andere, universelle Sprache, in der sich eine Frage präziser formulieren und leichter lösen lässt.

„Wenn ich in Paris nach dem Weg frage, hilft mir Französisch ja auch am besten weiter,“ sagt er zur Erklärung.

Behrends zweite große Liebe gehört der Musik. Sie ist für ihn Mathematik zum Hören. „Tonleitern haben eine mathematische Grundlage“ betont er. Der Professor spielt Klavier, Querflöte, Saxofon und Gitarre.

Als Lohn für seine Mühe winke einem Mathematiker im besten Fall das “wunderbare Glücksgefühl“ eine glasklare Lösung gefunden zu haben, sagt Behrends. Zum ersten Mal hat er dieses Gefühl bei der Konstruktion von Dreiecken in der achten Klasse gespürt. Es hat ihn nicht wieder losgelassen.

Ein Problem aber bleibt – und das heißt Schule. Viel zu sehr würden sich Lehrer und Schüler im Formalen und Abstrakten verlieren, kritisiert Behrends. Das sei, als ob man einen Klavierschüler immer wieder die Tonleiter in cis-Moll üben lasse – aber nie Beethovens Mondscheinsonate. Dabei sei Mathematik ein Teil der Kultur, eine Sprache, die seit den alten Griechen doch nur auf Anwendungen warte.

Es ist die Vielfalt seines Fachs, für die Behrends im Jahr der Mathematik werben will.

Quelle 18.Januar 2008 „Die Welt“ Zusammenfassung Sigrid Ebert

Die Förderschule von Marbach

Oktober 12th, 2009 Kommentare deaktiviert

Gymnasien betätigen sich im Allgemeinen als Ausleseanstalten. Dass es auch anders geht zeigt das preisgekrönte Friedrich-Schiller-Gymnasium von Marbach mit seinem Motto „Alle kommen ans Ziel.“

Dass dies kein hohler Spruch ist, zeigt die Statistik. Von 1900 Schülern mussten im letzten Jahr nur fünf eine Klasse wiederholen, zehn wechselten auf die Realschule.

Die ungewöhnlich niedrige Zahl von Sitzenbleibern und Schulabsteigern empfindet Günter Offermann, Leiter des Friedrich-Schiller-Gymnasiums,  noch immer als zu hoch. „Wenn ein Schüler Probleme hat, müssen wir fragen, was wir anders machen müssen,“ formuliert Offermann sein pädagogisches Ethos.

Förderschule

Förderschule

Für das ungewöhnliche Konzept haben Offermann und sein Kollegium als bisher einzige Vertreter dieser Schulform (Gymnasium) den Deutschen Schulpreis erhalten, die renommierteste Auszeichnung hierzulande. Das Friedrich-Schiller-Gymnasium hat ein ausgeklügeltes System der Diagnose und Therapie von Lernschwierigkeiten entwickelt.

Die Förderangebote sind einzigartig in ihrer Fülle und engmaschigen Staffelung. So soll garantiert werden, dass schwache Schüler nicht den Anschluss verpassen – und starke über sich hinaus wachsen. Es gibt Lernwächter, Hausaufgabenhelfer, internetbasierte Übungslektionen, Stützkurse in den Sommerferien, aber auch zusätzlicher Stoff in Wochenendakademien, in Begabtenklassen oder Unterricht durchgehend in Englisch.

In der Sommerschule können versetzungsgefährdete Schüler ihre Defizite ausgleichen. Zwei Stunden täglich pauken sie mit einem älteren Schüler Physikformeln, üben den Ablativus absolutus oder englische Konversation. Es lohnt sich: Alle Absolventen der Sommerschule haben ihre Versetzung geschafft. Anders als die Mathestunden kosten die Ferienstunden etwas, 160 Euro für zwei Wochen. Bedürftige erhalten Nachhilfe kostenlos.

Dabei steht dem Schiller-Gymnasium kein Sonderbudget zu Verfügung. Die vielen Angebote gründen sich auf die Größe der Schule und das Engagement der Lehrer. „Englisch und Sport haben Sie studiert, und was können Sie noch?“ ist eine der beliebtesten Fragen des Schulleiters im Vorstellungsgespräch.

Gleichzeitig verleiht die Autonomie, die Schulen zunehmend genießen, dem Gymnasium Spielraum. So erhielten die Schulen für die Schulzeitverkürzung auf 12 Jahre zusätzliche Ressourcen. Die Marbacher steckten das Geld nicht wie andere in zusätzlichen Fachunterricht für alle, sondern in Förderstunden für wenige.

„Ma, ma, ma, ma“ die Schüler der Klasse 5h üben Vokabeln. Die Lehrerin, Sabine Heesemann, lässt die Begriffe im Chor nachsprechen. Was sich fast wie viermal dasselbe Wort anhört, bedeutet jedes Mal etwas anderes. Im Chinesischen bestimmt die Betonung, wie ein Wort zu deuten ist. Zudem müssen sich die Schüler für jeden Begriff das Schriftzeichen einprägen. Da hilft nur stures Pauken. Chinesisch zu lernen erfordert dreimal so viel Zeit wie Englisch zu üben, schätzt die Sinologin Heesemann.

Ihr Schüler aber bringen gute Voraussetzungen mit. Sie besuchen eine der Klassen für besonders Begabte. Die Gruppe hat den gleichen Anspruch auf Förderung wie die Lernschwachen. Sie schreiten im Curriculum schneller voran und lernen in Projekten, die mehrere Fächer umfassen. Nach drei Jahren werden die Schüler auf Regelklassen verteilt, damit sie nicht „im verplombten Zug“ durch ihre Schulzeit reisen, heißt es.

Zusätzliches Lernfutter erhalten sie weiterhin in Schülerakademien. An vier Wochenenden im Jahr experimentieren Experten aus Hochschulen und Museen der Region – Mathematiker, Heimaltkundler, Meeresbioligen – am Schiller-Gymnasium mit besonders interessierten Schülern.

Dies Werkstätten sind keine elitären Veranstaltungen. Auch talentierte Schüler der Haupt- und Realschule, die sich auf demselben Gelände befinden, dürfen sich bewerben. Das Schiller-Gymnasium sucht, auch das ist keine Selbstverständlichkeit, den Kontakt zu anderen Schulformen. Schon jetzt stehen die Hausaufgabenhilfe sowie die zahlreichen Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag allen offen.

Gerne würde Schulleiter Offermann auch die Lehrer austauschen. „Ein Studienrat könnte an der Hauptschule lernen, wie man mit schwer zu motivierenden Schülern umgeht“ sagte er. Noch ist die Begeisterung für die Idee begrenzt. Hohe Mauern stehen zwischen den pädagogischen Professionen.

Offermann selbst könnte sie bald überwinden. Der 57-Jährige hat sich für die Gesamtleitung aller drei Schulen beworben. In Baden-Württemberg hat es so ein Experiment, das leicht nach Gesamtschule riecht, bislang nicht gegeben. Aber das war am Friedrich-Schiller-Gymnasium noch niemals ein Argument.

Mein ganz persönlicher Wunsch: dass das hoffentlich bald an allen Schulen in ganz Deutschland Nachahmer findet!

Quelle „Die Zeit “ 30. April 2008 Zusammenfassung Sigrid Ebert

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